Immer wieder lese ich über schlechte Synchronisation von Filmen oder über mies übersetzte Bücher. Hier wird der Wortwitz des Originals nicht 100% getroffen, da kommt die Stimmung nicht richtig rüber. Wenn man sich aber mal in den 70er und 80er Jahren umschaut, könnte man meinen, Wörterbücher würde es erst seit kurzem geben. Begleitet mich also auf einen kurzen und sicher nicht vollständigen Streifzug durch die Übersetzungswirren der cineastischen Frühzeit!
Begeben wir uns zu unserer ersten Station zum Beginn der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. 1954 entstand in Japan aus den bösen Mächten des Atoms das wahrscheinlich größte Filmmonster aller Zeiten: Godzilla. Dieser treibt selbst heute noch, 50 Jahre nach seinem ersten Angriff auf Tokyo, sein Unwesen.
Aber damals, als für fast alle Länder des kapitalistischen Westens der komplette Osten noch ein Mysterium für sich war und die „Rote Gefahr“ an jeder Ecke lauern konnte, glaubte man anscheinend auch, dass Menschen mit Mandelaugen prinzipiell nicht in der Lage seien, den Buchstaben „R“ auszusprechen. Der Umstand, dass „R“ gerne mit „L“ ersetzt wurde, war zu der Zeit schon immer für einen Witz gut (verbrecherische Chinesen hießen in Eastern etwa Lang Fang) und hält sich auch heute noch tapfer. Als Beispiel sei die Restaurant-Szene in Lethal Weapon 4 zitiert:
„Das heißt ‘Gebratener Reis’, du Plolet!“
Man durfte also den geneigten Kinogänger nicht damit verwirren, dass Asiaten nun doch plötzlich das „R“ aussprechen können, und benannte Gojira spontan in Godzilla um. Naja, egal, inzwischen haben sich auch die Japaner daran gewöhnt, dass überall sonst auf der Welt die Riesenechse nunmal Godzilla heißt.
Weit früher hatte man im Westen mit dem Stop-Motion-Affen King Kong einen monströsen Erfolg (tolles Wortspiel
) erzielen können. Umso größer war die Freude, als 1962 die Echse gegen den Affen im ultimativen Duell antreten durfte. Ich habe keine konkreten Zahlen, aber der Erfolg muss phänomenal gewesen sein, denn wie sollte man sonst erklären, dass King Kong in der folgenden Zeit immer wieder einen Auftritt in Godzilla-Filmen hatte. Zumindest in Deutschland. Zumindest dem Namen nach.
Die in den folgenden Jahren begangenen groben Übersetzungsfehler kann ich mir nur so erklären: Das Interesse an Godzilla-Filmen könnte abgeklungen sein. Der Verleih musste sich etwas einfallen lassen, um die Leute bei der Stange zu halten. Anscheinend sprach man dem durchschnittlichen Zuschauer nur wenig Intelligenz zu und man versprach sich von der bloßen Verwendung des Namens King Kong einen größeren Erfolg.
1973 wurde der Streifen Godzilla vs. Megalon prompt unter dem Titel King Kong – Dämonen aus dem Weltall vermarktet und dem darin vorkommenden Roboter Jet Jaguar einfach mal der Name King Kong verpasst. Warum auch nicht? Ein menschengroßer Roboter hat ja mit einem Riesenaffen recht viel gemeinsam und der Unterschied würde sicher niemandem auffallen.
Scheinbar zahlte sich das Marketingkonzept tatsächlich aus, denn der im Jahr darauf erscheinende King Kong gegen Godzilla benannte auch das von fiesen außerirdischen Mächten eingesetzte Monster Mechagodzilla in King Kong um. War ja auch ein Roboter, auch hier würde der Unterschied bestimmt niemandem auffallen. Einmal angefangen muss man die Schiene natürlich weiterverfolgen, weshalb der daran anschließende Film mit Mechagodzilla auch Konga, Godzilla, King Kong: Die Brut des Teufels hieß. Vielleicht täusche ich mich und man möge mich korrigieren, aber ich glaube mich zu erinnern, dass zumindest in der Synchronisation dann Mechagodzilla wenigstens auch so genannt wurde.
Auch bei einem weiteren „Vergehen“ bräuchte ich Hilfe. Wie lässt es sich erklären, dass ab 1966 immer wieder Godzilla Filme auftauchten, die mit Frankenstein tituliert waren? Wo kommt in dem ersten Film solchen Namens – Frankenstein und die Ungeheuer aus dem Meer – Frankenstein oder zumindest sein Monster vor? Generell erscheint es, als wolle man den Zuschauer nicht mit nichtssagenden Begriffen unnötig belasten. Dass besipielsweise ein durch Umweltverschmutzung entstandenes Müllmonster besser Hydrox als Hedorah heißen sollte, macht natürlich mehr Sinn. Somit muss man dem deutschen Verleih von damals eigentlich dankbar sein, dass wenigstens bei uns die Monster Namen haben durften, mit denen man auch was assoziieren konnte. Hauptsächlich eben Riesenaffen und Zombies aus dem Heimwerkerbaukasten.
Vom Marketing und vom anderen Ende der Weltkarte weg, muss man nicht weit suchen, um noch mehr Beispiele zu bekommen. Doch bevor wir über den großen Teich nach Amerika schauen, sollten wir uns eingehender mit dem Menschenbild befassen, das bei den Filmverleihfirmen damals vorherrschend sein musste. Mit meinen vorangegangenen Ausführungen habe ich Ihnen sicher unrecht getan und entschuldige mich wenn der Eindruck entstanden ist, dass der Zuschauer nur eine begriffsstutzige Geldschleuder gewesen sei, die man mit zu vielen unterschiedlichen Namen und Bezeichnungen nicht überfordern durfte. Nein, man erkannte klar den Zuschauer als fühlendes, menschliches Wesen an. Damals in den 70er Jahren, die Erinnerungen an den Vietnam-Krieg waren noch frisch, mussten moralische Maßstäbe höher angelegt werden als sonst. Das erkannte man auch Deutschland, der Filmverleih war sich seiner großen Verantwortung, die er innehatte, durchaus bewusst. Der Schutz des Menschen, auch seines Geistes, sollte oberstes Gebot sein. Neben all der Gewaltzensur in Filmen musste daher also nicht nur die visuelle sondern auch die inhaltliche Ebene in Angriff genommen werden. Filme wie das Texas Chainsaw Massacre waren da leider schon durchs Raster gerutscht. Aber das sollte nicht noch einmal passieren. Mit dem Hügel der blutigen Augen sollte alles besser werden:
Seit dem 2006er Remake weiß man ja, worum es in The Hills have Eyes eigentlich geht: Irgendwelche Hinterwäldler-Mutanten greifen arglose Mitmenschen an, die leider zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Das war aber nicht immer so. 1977, als das Original das Licht der Lichtspielhäuser erblickte, war man sich der psychologischen Tatsache des Lernens am Modell schon durchaus bewusst gewesen. Ein paar degenerierte Hinterwäldler konnte man als mögliche Vorbilder auch mündigen Bürgern gegenüber nicht moralisch vertreten. Aber was konnte man tun, ohne den Film komplett verbieten zu müssen?
Vermutlich besann man sich an die guten alten Godzilla-Tage zurück und gab dem Kind kurzerhand einen anderen Namen. Fortan sollten es keine inzestiösen Hillbillies sein, die ihr Unwesen trieben, sondern durchtriebene Mutanten aus den Tiefen des Alls. Der Schluss liegt nahe, schließlich kann doch kein Mensch wirklich so grausam sein und solch unsägliche Dinge, wie sie der Film zeigt, anderen Menschen angedeihen lassen. Nur Nichtmenschen aus den Unweiten des Weltraums können zu solchen Schandtaten in der Lage sein. Problem gelöst!
In den 80er Jahren fand langsam schleichend ein Gesinnungswechsel statt. Man musste den Zuschauer nicht mehr auf Biegen und Brechen vor sich selbst beschützen. Trotzdem traute man ihm nur mangelnde Englischkenntnisse zu und versuchte immerhin noch bei den Filmtiteln, ihn vor Schlimmerem zu bewahren. Ein einfaches Beispiel zum Einstieg gefällig?
Missing in Action mit Übermensch Chuck Norris war recht erfolgreich. Beim später erscheinenden Missing in Action 2 war man sich über die Bedeutung der beiden Wörter Prequel und Sequel noch uneins. Missing in Action 2 war ein so genanntes Prequel und erzählt damit die Ereignisse vor dem ersten Teil. Der Originaltitel Missing in Action 2: The Beginning weist deutlich darauf hin. In Deutschland vertrat man aber wohl die Ansicht, dass ein Film, der später gedreht wurde, auch zwangsläufig eine chronologisch später stattfindende Handlung zum Inhalt haben muss. Der Film heißt daher bei uns Missing in Action 2: Die Rückkehr.
Ein grandioses Beispiel deutschen Filmtiteleinfallsreichtums (tolles Wort) ist für mich immer noch die Howling-Reihe:
| Originaltitel |
Deutscher Titel |
| The Howling |
Das Tier |
| Howling II: …Your Sister Is a Werewolf |
Das Tier II |
| Howling III |
Wolfmen |
| Howling IV: The Original Nightmare |
Howling |
| Howling V: The Rebirth |
Howling V |
| Howling VI: The Freaks |
Howling VI |
| Howling: New Moon Rising |
Howling VII |
Göttlich, oder? Wer es nicht weiß, wird sich sicher fragen, warum er Howling 2 – 4 nirgendwo finden wird. Solche Beispiele finden sich sicher noch zuhauf und ich freue mich auf weitere von euch in den Kommentaren.
So, und jetzt beschwere sich nochmal jemand über die aktuelle Synchronisation oder die Filmtitelübersetzungen der heutigen Zeit …
Hinweis:
Verwendung der in diesem Artikel gezeigten Godzilla-Statue mit freundlicher Genehmigung von Paul Ferguson.