Die zweite Frage ist schnell im Bereich der Naturwissenschaften, genauer in der Physik, verortet und befasst mit Zeitreisen. In Gedankenexperimenten befasse ich mich häufig mit diesem Thema.
Heute geht es um die alte Verfilmung von H.G. Wells „Die Zeitmaschine“. Darin sehen wir nach der Einleitung den Helden in seine Zeitmaschine, ein Schlitten mit angeflanschtem Glücksrad, steigen, einige Hebel betätigen und die Reise in die weit entfernte Zukunft antreten. Das läuft wie folgt ab:
Nachdem er am Hebel gezogen hat beginnt sich das Glücksrad immer schneller zu drehen und wir sehen aus seiner Sicht, wie auch die Zeit schneller verstreicht. Aus seinem Fenster beobachtet er, wie die Sonne und der Mond am Himmel mit rasender Geschwindigkeit vorbei ziehen. Die Maschine „beschleunigt“ immer weiter in der Zeit, er jedoch verlässt seinen Platz im Raum nicht. Er bleibt also auf der Stelle stehen und sieht, wie sein Haus langsam zerfällt und wie sie Welt sich verändert.
Mir stellt sich nun die Frage, wie die Welt hingegen ihn sieht. Der erste Gedanke ist: da er sich nicht von der Stelle bewegt und nur die Zeit schneller abläuft müssten ihn die Leute als starre Statue da in seinem Schlitten sitzen sehen, zusammen mit einem Rad, das sich unheimlich langsam bewegt (die Bewegung könnte man nur feststellen, wenn man es jahrelang beobachten würde). Das wirft die Frage auf, warum Schlitten dann nicht einfach jemand wegschiebt. Er sieht eigentlich recht wertvoll aus …
Der nächste Gedanke dann: Er ist für seine Umwelt unsichtbar. Der Gedanke, der zu dieser Annahme führt, ist relativ kompliziert zu erklären, aber ich versuche es trotzdem einmal. Der Zeitreisende erklärt zu Beginn lapidar, die Zeit sei lediglich so etwas wie eine vierte Raumdimension, auf der er sich bewegen könne. Nun nehmen wir an, der er hätte einen Beobachter bei sich gehabt, der seinen Start miterlebt hätte und beschränken wir den Vorgang auf eine Sekunde. Weiterhin sei seine „Geschwindigkeit“, mit der er sich durch die Zeit bewegt, konstant. Also, er startet nun seine Maschine und bewegt sich damit tatsächlich physisch durch die Zeit. Für den Beobachter wäre er sofort verschwunden, denn während für diesen eine Sekunde vergeht, ist der Zeitreisende bereits schon in der Zeit weiter „vorne“, also bei Sekunde 5 oder 6. Als Analogie können wir uns ein Auto vorstellen, das rasend schnell fährt. Wenn wir eine kleine Fläche auf der sonst leeren Autobahn beobachten ist die Stelle für uns leer. Wir können nicht nach links und rechts sehen sondern nur diesen kleinen Ausschnitt. Das Auto braust nun heran und überfährt unsere Stelle. Das kleine Feld auf dem Boden war nur einen kleinen Moment lang nicht mehr leer. Wenn wir in dem Moment geblinzelt haben, haben wir es vielleicht gar nicht bemerkt. Wenn ich nun heute in dem Garten stehe, wo früher das Haus des Zeitreisenden war und genau hinschaue, könnte ich ihn dann für einen Moment sehen? Wenn er also genau jetzt durch meinen Sekundenabschnitt durchbraust. Also ich schaue eine Sekunde lang die Stelle an, der Zeitreisende hält sich aber nur einen Sekundenbruchteil davon in dieser einen Sekunde auf, da er eine viel schnellere Zeit fährt und im selben Zeitfenster vielleicht ein Jahr zurücklegt.
Der Gedanke fühlt sich aber für mich nach einem Logikfehler an, ich kann ihn aber nicht konkret fassen. Müsste ich den Reisenden dann nicht doch immer sehen? Denn nehmen wir an, er ist nach 10 Minuten schon in meiner Zeit, 2009, angelangt. Ich stehe als hier, am 10.06. und laufe auf seinen Garten zu. Er ist vielleicht gerade schon bei 1980 und rast mit einem Affentempo in der Zeit weiter. In dem Moment, in dem ich sein Gartentor erreiche ist auch er am 10.06 angelangt und flitzt aber schon weiter. Dennoch, in einem Sekundenbruchteil seiner Zeit war er am 10.06. da. Wenn ich nun also den ganzen Tag am Gatter stehe und beobachte, dann müsste ich doch auch seine gesamte Verweildauer sehen, oder nicht? Das würde mich ja wieder zum ersten Gedanken bringen …
Hm, jetzt, wo ich das aufschreibe, fällt mir auf, dass es sich so erklären ließe, dass ich im Vergleich zum Beobachter, der den Start beobachtet hat, einen anderen „Zeit-Autobahn-Abschnitt“ sehe. Nur weil er räumlich identisch ist, muss es zeitlich nicht zwangsläufig der gleiche sein, schließlich bewegen wir uns laut der Aussage des Zeitreisenden auf einer anderen Koordinatenachse.
Was meint ihr? Wo ist mein Denkfehler? Wie glaubt ihr könnten sich seine Zeitreise erklären lassen. Wohlgemerkt, mir geht es hier um eine, in der man ständig in der Welt präsent ist und sieht, wie sich alles verändert. Zeitreisen, in denen man sich einfach in eine Maschine stellt oder durch ein Tor latscht und dann plötzlich in der Zeit ist, die man wollte (oder auch nicht wollte), finde ich gar nicht so spannend. Höchstens deren Auswirkungen, aber das ist wieder eine neue Frage